Vila Joya (Dieter Koschina) - Albufeira

Vila Joya (Dieter Koschina) - Albufeira

Das Wort Paradies wird heutzutage gerne inflationär verwendet. Auch im Zusammenhang mit der Vila Joya fällt es in fast jedem Bericht. Das kleine "Schmuckkästchen" (so eine der Übersetzungen neben "Haus der Freude"), befindet sich in der Algarve in Südportugal, im vor allem bei Briten und Deutschen sehr beliebten Ferienort Albufeira. Hier kocht der gebürtige Voralrberger Dieter Koschina seit mittlerweile 27 Jahren. Nach Lehr- und Wanderjahren, die ihn unter anderem zu Heinz Winkler ins damals dreifach besternte Tantris in München führten, liess er sich die Chance 1990 nicht entgehen, die kulinarische Leitung der Vila Joya zu übernehmen. Hier schaffte er 1997, was noch kein Koch in Portugal geschafft hatte: er erkochte zwei Michelin Sterne. Diese hält das Restaurant bis heute. Warum es den Österreicher so lange hier gehalten hat, wird in dem Moment klar, als der Taxifahrer am Tor zur Villa klingelt. Keine Spur von touristischem Trubel - eine relaxte Ruhe herrscht vor. Man wähnt sich hier eher in einem, zugegebenermassen grossen, Privathaus, als in einem Hotel. Kein Wunder, verfügt die Vila Joya doch lediglich über zwölf Zimmer und acht Suiten. Da ich einige Minuten zu früh bin, setze ich mich erstmal gegenüber der Bar auf das riesige Sofa und bestelle ein kühlendes Bier. Der Blick schweift auf die Terrasse und darüber hinaus auf den wunderschönen, mit Palmen bestückten Garten und das Meer. Bei diesem Wetter wird natürlich draussen aufgetischt, doch den ersten Gruss aus der Küche gibts noch auf dem Sofa, wo es wenigstens etwas kühler ist als draussen in der gleissenden Mittagssonne.

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Zwei erfrischende Pralinen, eine gefüllt mit Schwarzdorn Gin und Tonic, die andere mit einem Ananas Mojito, lindern kurzzeitig die Hitze.

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Nun gehts nach draussen in die unerbittliche südportugiesische Mittagshitze, wo weitere Snacks den Tisch erreichen. Sowohl der Kartoffelchip mit Kalmar und Chorizo als auch ein Happen mit Tomate und Parmesan setzen auf simplen, aber hochklassigen Genuss. Das funktioniert nur bei solch ausgezeichneten Produkten. Vor allem die Tomaten und die Chorizo sind fantastisch.

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Das nächste Trio von Amuse Bouches folgt auf dem Fusse. Das frittierte Presunto-Bällchen überzeugt durch eine delikate, ultraknusprige Hülle mit glorioser Fleischfüllung (Presunto ist das portugiesische Äquivalent zum spanischen Jamon Iberico). Ein Cornet gefüllt mit Oliventapenade stellt die herausragenden portugiesischen Oliven in den Mittelpunkt und ist angenehm crunchy. Sehr gut. Das Foie Gras-Passionsfrucht-Macaron leidet zwar schnell unter der Hitze, zeigt aber dennoch das tadellose Handwerk und die exzellenten Grundzutaten.
Die Hitze macht auch mir langsam zu schaffen, obwohl ich wohl noch keine 20 Minuten draussen sitze. Unter dem Sonnenschirm sind es gefühlte 45 Grad und ich bitte um einen Tisch im Schatten.

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Am neuen Platz gestaltet sich der Lunch doch gleich viel angenehmer. Es folgt ein weiterer Snack. St. Pierre mit Leche de Tigre und Kiwi nimmt das scheinbar allgegenwärtige Thema "Ceviche" auf. In der Vila Joya gibts mit dem Petersfisch die Edelversion. Herrlich frisch, säuerlich, etwas (aber nicht zuviel) Fruchtsüsse durch die Kiwi, dazu etwas Knackiges in Form von Radieschen und Salicornes. Ausgezeichnet.

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Bevor das Menü startet, schickt Koschina noch einen letzten Vorboten: Brotchip, Foie Gras, Presunto, Haselnuss und Datteln. Man könnte das als uninspiriert und langweilig abtun. Was bestimmt viele auch machen, wenn sie sich das Foto ansehen. Doch wer die fantastischen Produktqualitäten, die perfekten Proportionen und die fein austarierten Aromen dieses klassischen Gaumenschmeichlers nicht zu schätzen weiss, dem kann man wohl nicht mehr helfen. Es schmeckt herausragend gut und allein darum geht es schliesslich.

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Als ersten Gang wird ein Carabineiro mit Gurke und Sesam serviert. Das prächtige Exemplar der portugiesischen roten Riesengarnele ist von exzellenter Qualität, jedoch für meinen Geschmack einen Tick zu lange gebraten. Um die Süsse des Edelkrebses zu kontrastieren setzt man auf die kühle Frische der Gurke, die hier roh und als Eis auf dem Teller landet. Die nussigen Akzente der Garnele werden wiederum unterstützt durch etwas Sesam. Ein wunderbar leichter, frischer und "runder" offizieller Auftakt.

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Gang Nummer zwei dreht sich um den in Portugal omnipräsenten Bacalhau, der in diesem Fall von einer Caldeirada und Koriander begleitet wird. Im Gegensatz zu den meisten Präparationen verwendet Koschina frischen Kabeljau und kein salzgetrocknetes Exemplar. Das Fleisch ist herrlich saftig und fest, relativ subtil im Geschmack und profitiert von der intensiven Einfassung. Allen voran von der Caldeirada, einem klassischen portugiesischen Fischeintopf mit Kartoffeln. Unglaublich wie elegant und feingliedrig, dabei kräftig und komplex, diese Version ist. Wow! Der Koriander sorgt mit seiner exotisch-kräuterigen Aromatik für einen willkommenen kleinen Kick. In Summe ganz einfach ein perfektes Gericht.

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Zum Hauptgang lässt der Chef vor allem mittags gerne Grosse pièce servieren, wie mir der Maître mitteilt, als der Tranchierwagen an meinen Tisch gerollt wird. Es ist toll zuzusehen, wie vor den Augen der Gäste gekonnt ein Stück Fleisch oder Fisch tranchiert wird. Schade sieht man diese aussterbende Kunstform mittlerweile so selten. Zum fachmännisch zerlegten Rib Eye gesellt sich Spinat und Pfeffer, sowie einige Ravioli und verschiedene Gemüse. Was für ein sauleckeres Ensemble. Angefangen beim kräftigen, butterzarten Fleisch über die knackigen und intensiven Gemüse bis zur Pasta und natürlich der tollen Sauce. Ich frage mich zwar zu Beginn, wer das alles aufessen soll, doch es ist so gut, dass ich den ganzen Teller leer futtere.

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Eine Basilikumsuppe sowie Ziegenkäse mit Himbeeren leiten über in den süssen Teil des Lunchs. Die kühlende, frische Suppe passt optimal zu so einem heissen Tag. Sehr schön. Dem Käse-Beeren-Arrangement kann ich persönlich nicht sehr viel abgewinnen, auch wenn die verwendeten Produkte ausgezeichnet sind.

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Feige, Cassis und Vanille spielt gekonnt mit Süsse, Säure und Exotik, und überzeugt so trotz einer vermeintlich gar simplen Kombination auf ganzer Linie. Die Aromen sind schön austariert, auch texturell wurde dank der knusprigen "Feigenblätter" für etwas Abwechslung gesorgt. Ein unkomplizierter Dessertspass erster Güte.

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Shiso mit Litschi, Himbeere und Tonic Schaum ist ein Arrangement geprägt von animierender Säure, die gepaart mit der Fruchtsüsse der Litschi, der süss-sauren Himbeere und der Frische der bei uns auch Perilla genannten Shiso ein herrlich frisches und leichtes Dessert ergibt, das ich in Nu verputzt habe.

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Den Abschluss macht eine überschaubare Auswahl von Petits Fours: ein Haselnuss-Éclair, ein Erdbeer-Schokolade-Limetten-Törtchen, die Praline aus Kokosnuss und Weisser Schokolade sowie ein Salz-Toffee. Ausgezeichnetes Naschhandwerk.

Das waren einige sehr vergnügliche Stunden im vermeintlichen Paradies. Man kann sicherlich sagen, dass man interessantere Menüs essen kann, als das heute hier der Fall war. Doch Koschinas klassische Küche setzt druchgehend auf makellose Produkte, fehlerfreies Handwerk und nachvollziehbare Kombinationen, was ganz einfach zeitlos gut ist. Vor allem wenn es noch im Kontext dieser schmucken kleinen Villa genossen werden kann. Der Duft des Atlantiks, die wundervolle Aussicht, der unaufgeregte Service, die blütenweissen Sonnenschirme, alles trägt zu einem tollen Gesamterlebnis an einem wahrlich paradiesischen Ort bei, der unbedingt besuchenwert ist.


Vila Joya
Estrada da Galé
8201-917 Albufeira
Portugal
+351 289 591 795
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