The Eight (Albert Au Kwok Keung) - Macau

Eigentlich ist die kurze Reise von Hong Kong nach Macau nicht sehr beschwerlich. Man steigt in Hong Kong in ein modernes, von Boeing gebautes Boot und erreicht ungefähr 50 ereignislose Minuten später Macau. Mich erwartet heute leider jedoch keine unbeschwerliche Reise, da seit gestern eine Typhoon-Warnung herrscht. Bis kurz vor Abreise ist gar nicht klar, ob das Boot ablegen und mich nach Macau bringen kann. Schlussendlich verlässt der Katamaran, etwas zu meiner Verwunderung, pünktlich den Hafen. Obwohl ich gestern Abend im wunderbaren Tenku RyuGin (Bericht folgt) etwas über die Stränge geschlagen habe und mich der frühen Uhrzeit wegen noch nicht ganz wiederhergestellt fühle, bin ich guter Dinge, als das Schiff in See sticht. Schliesslich erwarten mich an meinem Ziel 6* Michelin Sterne. Eine turbulente Stunde später komme ich tatsächlich in der ehemaligen portugiesischen Kolonie an der Mündung des Perlflusses an. Die Fahrt hat meinem Magen nicht unbedingt gut getan. Ich bin froh, endlich wieder festen Boden unter den Füssen zu haben.
Eine kurze Taxifahrt später stehe ich vor dem vielleicht hässlichsten Hotel der Welt. Dieses architektonische Verbrechen namens Grand Lisboa beherbergt zwei Restaurants, die vom Guide Michelin mit 3* Macarons ausgezeichnet wurden. Kein anderes Hotel der Welt kann das von sich behaupten. Meine Reservation im The Eight ist nur noch eine gute Stunde entfernt. Den Tisch, den ich abends im Robuchon au Dôme gebucht habe, werde ich nie sehen, da mir die leichte Seekrankheit einen Strich durch die Rechnung macht. Für meine Mittagsreservation reichen Hunger, Lust und Gesundheit aber noch.

Der Eingang des The Eight liegt etwas abseits des Casino-Trubels. Ich geniesse die kleine Oase der Ruhe im ansonsten lauten, ungemütlichen Hotelkomplex. Durch eine Schiebetür gelange ich in einen Gang an dessen Wänden projezierte Fische umher schwimmen. Am anderen Ende wartet eine zweite Schiebetür, die sich langsam öffnet und dabei den Blick auf das imposante Restaurant freigibt. Endlich am grossen Tisch, mit Blick auf den Kristallleuchter sitzend, bestelle ich erst mal einen Tee. Kurz darauf wird mir das umfangreiche Mittagsmenu gereicht. Die Klassiker des Hauses sind mit einer 8 gekennzeichnet, die in China für Glück und Wohlstand steht. Ich entscheide mich für einige dieser Signature Dishes sowie eine kleine Auswahl an weiteren interessanten Gerichten. Mein Hunger ist nicht allzu gross, mein Magen noch etwas aufgewühlt von der strapaziösen Reise.

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Minced Pork, Paprika / Abalone, Pomelo Jelly
Los gehts mit zwei Grüssen aus der Küche. Als erstes wage ich mich an das gewürfelte Schweinefleisch mit ebenfalls gewürfelter Paprika in einem knusprigen "Körbchen". Ist das ein Start, der eines 3 Sterne Restaurants würdig ist? Klar! Wenn es so gut schmeckt, dann ist er das. Ein unprätentiöser, süffiger Auftakt erster Güte. Abalone mit Pomelo Gelee übertrifft das sehr gelungene erste Amuse dann nochmals um ein Vielfaches. Die Kombination der Zitrusfrucht mit dem zarten, vorzüglichen Seeohr ist äusserst delikat und wartet mit einem interessanten Texturspiel auf. Sehr gelungen. So langsam erwachen meine müden Lebensgeister.

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French Goose Liver with “Char Siu” and a Thin-sliced of Chinese preserved sausage
Foie Gras mit Schweinebauch und Wurst kombiniert? Ein sündiges, äusserst schmackhaftes Vergnügen. Das Aromenspektrum ist bei diesem fettigen Happen, wie bei den beiden Amuses zuvor, nicht überaus Komplex. Doch genau mit dieser Simplizität, dem unverkopften, zugänglichen Geschmack, punktet das The Eight bisher bei mir. Was ich jedoch bei allem Wohlgeschmack ein wenig vermisse, ist dieser Wow-Effekt, den gewisse Gerichte in einem 3 Sterne Restaurant mit sich bringen. Die Küche darf gerne noch einen Gang höher schalten.

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Steamed Cristal Blue Shrimp in Goldfish Shape
Das gewisse Etwas kommt jetzt. Und wie! Nur schon optisch sind die drei kleinen gedämpften Teigtaschen in Goldfischform eine Wucht. Selten habe ich handwerklich so eindrücklich hergestelltes Essen serviert bekommen. Geschmacklich sind die Dim Sum zwar auch eher simpel, doch die beeindruckende Qualität der Cristal Blue Shrimps, sowie diejenige des unglaublich köstlichen Teigs überzeugen auf ganzer Linie. Genau so muss 3 Sterne Küche für mich sein. Perfekte Produkte. Perfektes Handwerk. Hervorragend.

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Steamed "Shanghainese" Dumplings with Crab Meat Filling, Chicken Essence and Vintage Dried Tangerine Peel, Yunnan Ham Essence
Die nächsten Dumplings bergen für ungeübte Esser gewisse Risiken. Im Innern des wiederum exzellenten Teigs befinden sich eine kochend heisse Hühnerbrühe, Krabbenfleisch sowie getrocknete Mandarinenzeste. Die Kunst dieses Gebilde ohne Verbrennungen zu verspeisen besteht darin, das Dim Sum mit den Stäbchen aufzunehmen, den "Deckel" abzubeissen, um dann langsam die heisse Suppe auszuschlürfen und den Rest zu verspeisen. Erfreulicherweise glückt mir dieses Unterfangen ohne grössere Zwischenfälle. Belohnt werde ich durch die vielleicht beste Hühnersuppe meines Lebens. Obwohl die restlichen Elemente natürlich einen integralen Teil dieser wundervollen Speise bilden (allen voran die unheimlich komplexe, getrocknete Mandarinenzeste), so ist der Star doch eindeutig die Suppe. Verdammt lecker.

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Crispy Barbecued Pork Buns with Preserved Vegetables
Das Auge darf sich nun an den als Igel präsentierten, gedämpften Schweinebrötchen erfreuen. Wie bereits bei den Goldfischdumplings muss ich erneut festhalten, wie beeindruckend das Handwerk von Albert Au Kwok Keung und seiner Küchenmannschaft ist. Geschmacklich ist an diesem Pork Bun grundsätzlich eigentlich auch nichts auszusetzen. Dennoch fühle ich mich nach den beiden vorherigen Gängen wieder etwas an den Anfang dieses Mittagessens zurückgeworfen. Es schmeckt wirklich ausgezeichnet, jedoch fehlt mir das gewisse Etwas. Zugegebenermassen ist das nun jammern auf sehr hohem Niveau.

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Abalone Siu Mai
Auf die gedämpften Abalonen Dim Sum freue ich mich besonders. Der Vorfreude folgt leider eine riesige Enttäuschung. Die Meeresschnecken mit einem Kaugummi zu vergleichen, tut dem armen Kaugummi unrecht. Noch nie musste ich in einem Restaurant der gehobenen Klasse (oder irgendeiner Klasse eigentlich) so lange auf etwas rumkauen. Enttäuscht bin ich jedoch nicht nur die über die schlecht zubereitete Abalone, sondern auch über den undifferenzierten, nichtssagenden Geschmack. Ein Gang zum vergessen.

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Deep Fried Savoury Pastry with Black Truffle Filling
Die nächste Enttäuschung folgt auf dem Fusse. In einer Hülle aus frittiertem Teig, der nicht knusprig ist und viel zu dick, steckt angeblich eine Füllung aus schwarzem Trüffel. Diesen kann ich bei bestem Willen nicht erschmecken. Im Gegenteil, ich schmecke lediglich Frittiertes. Plus eine unangenehme Note von nassem Karton. Genauso wie ich nicht verstehen kann, warum ich diesen Gang eigentlich bestellt habe, verstehe ich den Küchenchef nicht, der so etwas auf sein Menu setzt. Ich hoffe beim letzten salzigen Gericht dieses Lunchs auf ein Qualitätssprung in Höhe des Mount Everest.

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Steamed Rice Flour Roll with Shrimp Spring Roll
Anscheinend wurde mein kurzes Stossgebet auf die erhoffte kulinarische Wiedergutmachung erhört. Wie bei den Cristal Shrimp Dumplings zuvor, überzeugen hier Handwerk sowie Zutaten vollkommen. Angefangen beim wunderbaren, leicht klebrigen Reisteig, der alleine schon die Bestellung Wert ist und meinetwegen auch mit diesen Kaugummi-artigen Abalonen gefüllt sein könnte, so gut ist er. Die Shrimps bereiten mit ihrer Frische und dem erstaunlich prägnantem Eigengeschmack richtig Freude. Dazu gesellt sich noch etwas knuspiges, das diese Frühlingsrolle zu einem vollkommenen Erlebnis macht. Locker die die beste ihrer Art, die ich jemals gegessen habe.
So gross die Freude über diesen Genuss ist, währt sie doch leider nur kurz. Die holperige Anreise macht sich wieder bemerkbar. Ich bitte um eine Pause, bevor das Dessert serviert, um mich wieder fangen zu können.

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Dessert
Das klappt leider nicht wie erhofft. Die unruhige Fahrt von Hong Kong nach Macau macht sich spätestens jetzt so richtig bemerkbar. Zum Dessert mache ich keinerlei Notizen. Ich notiere nicht mal, um was genau es sich bei diesem luftigen, Cake-ähnlichen Gebilde handelt. Dass es mir ausgezeichnet mundet, daran erinnere ich mich beim Schreiben dieser Zeilen immerhin. Zusätzlich ist mir in Erinnerung geblieben, dass eine Freundin aus China, die mich zu diesem Essen begleitet hat, ein Stück des Kuchens in ihre Teetasse fallen liess. Damit hat es sich aber leider auch.

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Milk Tea, Coconut Jelly topped with Bird's Nest
Mit der Aussicht auf frische Luft, sammle ich mich zumindest kurzzeitig wieder ein bisschen. Sehr zu meinem Glück. Sonst könnte ich diesen wunderbaren Milchtee wohl nicht entsprechend würdigen. Obwohl sich der Tee an der Grenze zur Überzuckerung bewegt, befriedigt er die Gier meines Körpers nach Saccharose in diesem Moment offensichtlich perfekt. Das dazu gereichte Kokosnussgelee mit Vogelnest oben auf ist nichts weniger als sensationell. Ich kann mich nicht erinnern, jemals einen so intensiven Kokosgeschmack erlebt zu haben. Ein vorzüglicher Abschluss.

Bisher liess mich noch kein 3* Sterne Restaurant so ratlos zurück wie das The Eight. Albert Au Kwok Keung und sein Team haben mich einerseits mit ihrem handwerklichen Können, der technischen Finesse sowie einigen wundervollen Zutaten beeindruckt. Andererseits kann ich mich nicht erinnern, in einem besternten Haus jemals ein so schlechtes Gericht wie die Abalone Siu Mai aufgetischt bekommen zu haben. Somit bestätigt sich auch bereits bei meinem zweiten Essen in Hong Kong und Macau die bei meiner Vorbereitung auf diese Reise gewonnene Erkenntnis, dass es sich beim Guide Michelin für diese beiden Städte wohl um den unberechenbarsten roten Guide weltweit handelt. Sollte es mich jemals wieder nach Macau verschlagen, kehre ich sicher gerne erneut ins The Eight ein. Ein Reise ins vielleicht hässlichste Hotel der Welt werde ich dafür jedoch sicher nicht mehr auf mich nehmen.


The Eight
 2/F, Grand Lisboa Hotel
Avenida de Lisboa
Macau
+853 8803 7788
Website