The Counter (Mitja Birlo) - Zürich

Innenraum des Restaurants The Counter am Zürcher Hauptbahnhof mit geschwungenem Tresen und offener Küche

The Counter - Kosmopolitische Kontraste

Spitzenrestaurants an einzigartigen Orten gibt es viele. Unter dem Wasser, hoch auf dem Berggipfel, im Eiffelturm - doch The Counter in Zürich dürfte momentan weltweit einzigartig sein: zwei Sterne in einem Bahnhof (Jiro Onos ehemals dreifach besterntes Sushiya im Bahnhof Ginza in Tokio ist seit 2019 nicht mehr im Guide Michelin gelistet). Nicht irgendein Bahnhof, sondern Zürichs Hauptbahnhof. Dieser zählt zu den höchstfrequentierten Bahnhöfen Europas. Bis zu einer halben Million Menschen werden täglich durch die Hallen und Gänge gespült. Rundherum kommen weitere 200’000 Personen dazu. Ein ziemlich lautes Gewusel.

Den Gegenpol zum Vollkontaktsport in den Bahnhofshallen während der Rushhour bietet das intime Tresenlokal im Südtrakt des ehemaligen Hauptgebäudes. Kontraste begleiten Mitja Birlo. Geboren im weltstädtischen Berlin, aufgewachsen in Ostwestfalen. Gekocht hat der 40-Jährige unter anderem in der Traube Tonbach, im Viajante in London und im 7132 Silver in Vals, wo er erstmals als Küchenchef mit zwei Sternen ausgezeichnet wurde. Ab 2023 übernahm er als der tonangebender Mann am Herd die kulinarische Leitung im neu eröffneten The Counter, Zürichs kosmopolitischstem Sternerestaurant, das im Dezember desselben Jahres eröffnet wurde. Dass es ihn nach längerer Zeit in den Schweizer Bergen zurück in die Stadt gezogen hat, dürfte bei diesem Lebenslauf kaum überraschen. Wer bereits in Vals bei ihm zu Gast war, dürfte auch nicht erstaunt gewesen sein, als er mit seinem überschaubaren, jungen Team aus dem Stand wieder seine angestammten zwei Sterne erkochte.

Küchenteam von The Counter Zürich beim Anrichten der Teller in der offenen Küche

Ich war schon öfter hier zu Gast. Mehrere Male pro Jahr seit der Eröffnung. Ein Zeichen, wie sehr ich Birlos Essen, aber auch die Weinkarte seiner Frau Florentina und das Restaurant ganz allgemein schätze. Einen Bericht über meine Erlebnisse im The Counter habe ich bislang nicht geschrieben. Dieses Versäumnis hole ich nun endlich nach.

Obwohl ich an einem Samstagmittag einkehre, sind die Stadt und auch der Bahnhof voll. Schnell geht’s rein ins Gebäude, in dem sich das Restaurant befindet. Ein Teil der Hektik verfliegt mit dem automatischen Schliessen der Eingangstüre. Vor einer weiteren, mit blickdichten Vorhängen verschlossenen Türe gilt es zu klingeln. Man kann hier nicht einfach reinspazieren. Das ist auch gut so. Und ohne Reservation geht ohnehin nichts. Ein freundliches Lächeln erscheint, als die Türe geöffnet wird. Spätestens als diese hinter mir in die Angeln fällt, wähne ich mich in einer anderen Welt. Der messingbeschlagene Nussbaumholztresen, das dunkel schimmernde Marmor, weich gepolsterte Barhocker, sanftes Grün als Farbtupfer. Das alles erinnert eher an New York, London oder Singapur. Urban und kosmopolitisch. Luxuriös, aber leger. Vor allem einladend präsentiert sich das Lokal. Im Gegensatz zu vielen anderen Tresenrestaurants hat es hier viel Platz und Luft. Ein Eindruck, der sich mittags verstärkt, wenn Tageslicht durch die Gardinen schimmert. Von jedem Sitzplatz am Tresen sieht man die Küchencrew bei der Arbeit. Obwohl eine eklektische, vom Chef persönlich kuratierte Playlist die besten Songs von den 60ern bis heute spielt, wirkt alles ruhig und gelassen. Fast, wie wenn man im Winter in den Valser Thermen sitzt, die zuckerweiss eingeschneiten Berge beobachtet, wie sie bei Sonnenuntergang langsam in Schwarz gehüllt werden. Diese alpine Ruhe haben die Birlos mitgebracht. Und sie schlägt auch auf den Gast über.

Obwohl ich in etwa weiss, was mich erwartet, bin ich voller Vorfreude auf die kommenden Stunden. Bei einem Glas des vorzüglichen Les Terres Fines von Dhondt-Grellet beobachte ich das fokussierte Treiben an den Kücheninseln. Lange warten muss man hier ohnehin nie, bis die ersten Snacks gereicht werden.

Gazpacho mit Sherry und Cassis im Glas serviert, The Counter Zürich

Den Auftakt machen die Ausläufer des Sommers: Gazpacho mit Sherry und Cassis. Die geklärte Tomatensuppe zeigt die beste Seite der Tomaten. Sehr umami, dabei mit klarer Frucht und lebendiger Säure. Obenauf liegt ein vorsichtig mit Sherry abgeschmeckter Tomatenschaum, der mit seiner subtilen Nussigkeit einen ebenso ungewöhnlichen wie spannenden Akzent setzt. Cassis, besser gesagt ein Öl vom Cassisholz - aus dem Garten von Birlos Mutter - begegnet mir in letzter Zeit häufiger. Wahrnehmbar ist es oftmals kaum. Hier bringt es als klar rausgearbeitetes Würzelement einen pointierten Gegenpol ins Spiel, der mit seinem vielschichtigen Aromenprofil aus herb-säuerlicher und warm-grüner Würze sanft parfümiert und dadurch alles auflockert.

Hummer-Tartelette mit Kartoffel, Estragon und Ikura, The Counter Zürich

Ein alter Bekannter ist der Hummer mit Kartoffel und Estragon. Dem Krustentier aus der Bretagne werden auf dem Big Green Egg kräftige Grillnoten verliehen, wodurch das zarte Fleisch Assoziationen an einen unkomplizierten Grillabend mit Freunden weckt. Die Beilagen fallen dort allerdings sicher nicht so elegant aus. Denn der Taler aus fermentierter Kartoffel und der ätherische, anisduftende Estragon rücken den Edelkrebs in ein ungewöhnliches, winterlich-festlich anmutendes Licht. Ikura unterstreicht den maritimen Charakter mit einer kühlen, klaren Note. Vom Grillen mit Freunden zu weihnachtlichen Anklängen in einem Bissen schaffen nicht viele. Auch dieses Amuse ist ungemein köstlich und die beste Version, die ich bislang gegessen habe.

In Yuzu eingelegter Kohlrabi mit Crème fraîche und gepufftem Reis, The Counter Zürich

Weiter geht’s mit einem Klassiker, den Birlo schon in Vals servierte. Knackiger Kohlrabi wird über Nacht in Yuzu eingelegt. Angerichtet wird der zierliche Halbmond mit etwas Crème fraîche, gepufftem Reis und frischen Kräutern. Es klingt so simpel, hat aber alles, was man sich von einem Amuse-Bouche auf diesem Niveau nur wünschen kann. Angefangen beim durchweg saftigen, knackigen Kohlrabi, über die facettenreiche, bittere Säure der Zitrusfrucht, die den Eigengeschmack des Kohls perfekt akzentuiert und mit tänzerischer Leichtigkeit alles trägt. Durch die Crème zeigt sich dieser Happen angenehm vollmundig, während der krosse Reis zusätzlichen Crunch sowie erneut eine Tiefe und strukturgebendes, nussiges Röstaroma einstreut. Abgerundet durch die punktgenau dosierten Kräuterspitzen, die noch mehr Lebendigkeit und Tiefgang hinzufügen, ergibt das einen vollkommenen Snack. Von dieser Petitesse kann ich nie genug bekommen. Sie gehört zu meinen liebsten herzhaften Petitessen überhaupt. Und sie hat noch nie so hervorragend geschmeckt wie heute.

Bao mit Rinderbrust und getrocknetem Wagyu-Rind, The Counter Zürich

Auch in den Genuss des letzten der vier Appetithappen kam ich bereits mehrere Male zuvor. In einen elastisch-luftigen Bao ist saftig-fette Rinderbrust eingearbeitet. Getoppt wird die gedämpfte Brotkugel von einem aus Japan importierten und im Tessin in einer Salamihöhle durch Luma gereiften Stück Wagyu-Trockenfleisch sowie Nori-Julienne. Der Chef versteht es vorzüglich, trotz aller zweifellos vorhandenen Kraft und dem Drang nach Umami eine gelungene Balance zu finden. Ein feines Händchen beim Abschmecken und bei den Proportionen schafft ein weiteres Mini-Meisterwerk voller Tiefe und Intensität.

Dass im The Counter nicht alles so wie anderswo läuft, zeigt sich schon an den vier Amuses. Sie sind im Menü als eigenständige, gleichwertige Gänge gelistet. Was sich nicht nur in der auffallenden Komplexität und Qualität äussert, sondern auch daran, dass alle nacheinander und nicht miteinander aufgetischt werden. So präsentiert sich jede Petitesse in bestmöglicher Verfassung. Es sind bekanntlich oftmals die kleinen Details, die viel ausmachen.

In der Regel schreibe ich nicht über den Brotservice. Doch das, was mir hier am Tresen serviert wird, ist mehr als nur eine Randnotiz wert. Man hat sich des japanischen Milchbrots Shokupan angenommen. Das fluffig-weiche, Brioche-ähnliche Brot wird anschliessend einem Laugenbad unterzogen, was alles in die gewünschte herzhafte Richtung lenkt. Dazu wird eine Butter gereicht, die zur Hälfte aus Nussbutter besteht und zusätzlich mit einer von der katalanischen Romesco inspirierten Sauce gewürzt ist. Zu guter Letzt werden einige Tropfen 25 Jahre alter Balsamico darüber geträufelt. Ich bin Purist, was den Brotservice betrifft. Ein Stück erstklassiges Brot und hochwertige Butter reichen. Doch mein präferierter Purismus wird hier ad absurdum geführt. Das Bretzelbrot alleine ist schon so unverschämt gut, dass ich mich zügeln muss, nicht alles davon sofort aufzuessen. Was eine Schande wäre, denn der Aufstrich gehört patentiert und sollte in Feinkostläden verkauft werden. Mir fällt Zurückhaltung selten schwer - vor allem, wenn noch ein ganzes Menü vor mir steht - doch in diesem Fall muss ich mich regelrecht an mich halten.

Tomatensalat mit Himbeeren, Verbene und Gurkensorbet wird angerichtet, The Counter Zürich

Die Tomaten haben einen weiteren Auftritt. Dieses Mal in Form eines Salats mit Himbeeren und Verbene. Man könnte denken, dass hier gepflegte Langeweile herrscht. Kompositorisch ist das zwar zugegebenermassen wenig aufregend, doch die Ausführung ist makellos und einige Kniffe bringen Spannung ins Gericht. Die verschiedenen Tomaten zeigen ihre natürlichen Unterschiede: einige sind saurer, andere süsser, einige sind mehr umami, andere wiederum fruchtbetont. Dazwischen befinden sich ein paar dehydrierte und anschliessend in ihrem eigenen Wasser rehydrierte Tomaten, die alles vereinen und für ein abwechslungsreiches Texturspiel, das entfernt an Fruchtgummi erinnert, sorgen. In der Mitte thront ein markant mit Chili abgeschmecktes Sorbet von der Gurke mit ordentlichem Kick. Viel mehr braucht es gar nicht. Beerenfrische Spitzen bringen Lebendigkeit und Verve auf den Teller, die Verbene eine kühle, zitrische Note, wie eine frische Brise, wenn die Tage wieder kürzer werden. Genau in diese Kerbe schlägt auch die Vinaigrette, die alles austariert. Wäre doch nur jeder Tomatensalat so köstlich…

Saibling in grüner Aguachile mit Cashew und Buchweizen, The Counter Zürich

Der Chef frönt auch beim nächsten Gang seiner Vorliebe für Würze mit Wumms. Eine leuchtend grüne, undurchdringliche Aguachile steht im Mittelpunkt, für die gemäss Ale, dem Koch, der mir das Gericht präsentiert, so ziemlich jedes Kraut verwendet wurde, das gerade verfügbar ist. Wie es sich für eine Aguachile gehört, sticht jedoch der Koriander klar heraus. Dazu eine präsente Schärfe und eine pointierte Limettensäure. Ein erst gebeiztes, dann bei 36 Grad sanft gegartes Saiblingsfilet, Cashew, Buchweizen sowie Blüten und Kräuter begleiten die Sauce. Persönlich mag ich es lieber, wenn das Fischfleisch etwas mehr Struktur aufweist, was aber jedoch keinen negativen Einfluss auf den Geschmack hat. Und da sich diese Kreation für mich klar um die fantastische Sauce dreht, rückt der dennoch zweifellos hervorragende Fisch sowieso eher in den Hintergrund. Trotz ihrer Kraft bewegt sich dieses unvergesslich grandiose Elixier in ausgewogener Harmonie. Meine vorher gelebte Zurückhaltung beim Brot kommt jetzt sehr gelegen. Denn nun kann ich auch noch den letzten Tropfen dieser berauschenden Sauce aufmoppen. Grandios!

Chawanmushi mit Kaviar, Zabaglione und Kräutern, The Counter Zürich

Eine Chawanmushi findet sich seit Birlos Anfangstagen in Vals fast immer im Menü. Kristal Kaviar von Kaviari und eine Zabaglione toppen den japanischen Eierstich diesmal gemeinsam mit einem kreisrunden Milchchip. Darauf zu finden sind Basilikum, Estragon und Blätter der Ringelblume. Das Thema Ei mit Ei (und Ei) bietet einen offensichtlich unerschöpflichen Fundus von Möglichkeiten. Diese Version präsentiert das Thema in seiner vielleicht leichtesten und elegantesten Variante. Aromatisch ist dieses Ensemble zwar durchaus opulent und mundfüllend, durch die Zubereitungen der (Hühner-)Eier jedoch wunderbar luftig. Dadurch kann sich der jodig-salzige, leicht nussige Kaviar als zentrales Element noch besser entfalten. Als sehr apart erweisen sich die Kräuter, die dem Ganzen eine ätherische Sommerfrische verleihen. Definitiv direkt ein weiteres Highlight. Aufpassen muss man lediglich beim Knusperring. Landet zu viel davon auf dem Löffel, kann der Gesamteindruck einen Hauch zu süss wirken. Das lässt sich aber problemlos dosieren.

Rotbarbe mit Kapern, Vanille-Beurre-blanc und Kaviar, The Counter Zürich

Rotbarbe mit Kapern und Vanille hört sich beim Annoncieren etwas wild an. Was weniger an der Kombination von Vanille und Fisch liegt - die hat auch manch alteingesessener französische Drei-Sterne-Koch im Repertoire -, sondern am Fisch, der zum Einsatz kommt. Und an den Kapern. Wie fast immer sind solche Kreationen entweder vollkommen daneben oder grenzgenial. Dazwischen gibt es meist nicht viel. Diese hier ist definitiv Letzteres. Und es funktioniert so bestechend, weil Birlo in die Vollen geht und keine Kompromisse macht. Der superbe, saftige und angenehm feste Fisch lebt von seinen kräftigen maritimen Noten, die mich immer an einen heissen Tag am Meer erinnern. Akzentuiert wird dieser Duft nach Ozean durch den Kaviar. Dieses Mal der AKI Prestige von Altona Kaviar in Hamburg. Dazu passt die pointiert säuerliche Unterlage der Kapern natürlich dann hervorragend. Das alleine würde gemeinsam mit der aufgeschäumten Beurre blanc bereits eine überzeugende Komposition ergeben. Doch die optimal dosierte Vanille macht daraus einen Teller, der noch lange nachhallt. Sie verleiht dem eher kühl wirkenden Ensemble Wärme, bringt ein vielfältiges Potpourri von Aromen (rauchige Noten, exotische Blüten, Butterkaramell) ein, die die Kreation aufs nächste Level katapultieren. Drei aufeinanderfolgende Gänge auf einem solchen Niveau habe ich hier bislang nicht gegessen. Was da wohl noch kommen mag?

Kakigori-Eis mit Thai-Curry und Kokosnuss, The Counter Zürich

Erstmal eine Erfrischung. Und erneut zeigt sich, dass man im The Counter wenig Lust auf halbe Sachen hat. Die japanische Swan-Kakigori-Maschine wird ausgepackt. Aromatisiert wird das geschabte Eis mit Thai-Curry und Kokosnuss. Wenn schon ein Papillenaufwecker, dann bitte so. Mutig abgeschmeckt, herzhaft, belebend und voll auf die Zwölf. Sollte man zu diesem Zeitpunkt von kulinarischer Müdigkeit umnebelt sein, ist man nun definitiv wieder wach.

Wachtel mit Orange und Mangold, Hauptgang im The Counter Zürich

Was auch wichtig und richtig ist. Schliesslich soll man den Hauptgang Wachtel mit Orange und Mangold richtig geniessen können. Das Geflügel aus der Bresse wird vor Ort zusätzlich rund eine Woche gereift und schliesslich an der Karkasse auf dem Kamato-Ei gegrillt. Neben der Brust, die mit Mangold und Orangensauce auf dem Teller vor mir liegt, gibt es auf einer Satellitenbox zudem das Keulenfleisch in einem Beignet aus Sauerteig, getoppt mit einem Orangengel und frittierten Karottenstreifen. Selbst Köche in besternten Restaurants geben am Grill nicht immer eine glänzende Figur ab. Birlo hingegen scheint das Spiel mit dem Feuer gemeistert zu haben (unvergessen ist ein Stück Iberico Presa im Silver - zum Bericht), findet für jedes Produkt und jede Komposition die richtige Menge an Rauch- und Grillaromen. Hier sind sie im Gegensatz zum Hummer vorhin insgesamt etwas zurückhaltender. Eine Spinatfarce bietet dem zarten Geflügel Schutz vor der Hitze. Auf dem Teller übt man sich dann in Purismus. Gegrillter Mangold, ein konzentriertes Karottenpurée, eine grosszügige Jus. Nebst der zum Niederknien superben Brust besticht hier vor allem die Feinabstimmung. Die Orange, ein im salzigen Fine-Dining-Kontext oftmals schwieriges Produkt, das optimale Feinjustierung benötigt, ist perfekt integriert. Liefert einen Hauch von Sonnenschein, subtile mediterrane Anklänge und trägt das Gericht mit seiner feinen Säure. Dem steht das Bällchen in nichts nach. Im Gegensatz zum asketisch anmutenden Hauptteller geht es allerdings um lüsternen Hedonismus. Und eine Prise S&M, da die Kugel auffällige Noppen hat, die die Zunge wie eine Faszienrolle behandelt. Pure Wonne.

Portobello-Pithivier im Anschnitt mit Blätterteig, The Counter Zürich

Zu meiner Überraschung darf ich auch den aktuellen Hauptgang aus dem vegetarischen Menü probieren. Dabei handelt es sich um einen Portobello-Pithivier. Eingepackt in eine flockige und gleichzeitig saftige Blätterteigkruste mit verführerischen Röstaromen sind zwei dicke Scheiben vom scharf angebratenen, vollmundigen und fleischigen Pilz. Dazwischen in der Mangoldumwicklung liegt eine punktgenau abgeschmeckte Pilzfarce, die der Tarte noch mehr Kraft und Umami verleiht. Warum nicht mal einen Schritt weitergehen und sowas Herrliches als Hauptgang des omnivoren Menüs servieren? Selbst ewiggestrige Karnivoren dürften hier rein gar nichts vermissen.

Dessert aus Aprikose, Heu und fermentiertem Honig, The Counter Zürich

Unlängst ist Franziska Baumann als Chef-Pâtissière zum The Counter Team gestossen. Sie war zuvor unter anderem im CAAA in Luzern sowie auf Schloss Schauenstein und unter Benoît Carcenat im Valrose tätig. Ihre Vita klingt genauso vielversprechend wie das erste Dessert: Aprikose, Heu und fermentierter Honig. Das Steinobst wird einmal durchdekliniert; frisch, eingelegt, Glacé, karamellisierter Kern (!) und als Sauce. Dazu Heu(milch) in unterschiedlichen Variationen und darüber geträufelt sowie teilweise eingearbeitet lakto-fermentierter Honig. Schon der erste Bissen überzeugt durchs Band. Reife Frucht, präsente und mundwässernde Säurestruktur, wunderbar leicht, dabei hocharomatisch und trotz der klaren Verortung in der warmen Jahreszeit aufgrund die aromatischen Dichte durchaus opulent. Zum Schluss schimmert immer eine gewisse Salzigkeit durch, die das Dessert durch eine zusätzliche Dimension gekonnt erweitert und dem Ganzen mehr Tiefe verleiht. Genau so muss ein modernes Sommerdessert sein.

Signature Dessert Bienenstich mit Rumparfait und Kumquatzesten, The Counter Zürich

Birlo ist nun fast seit einem Jahrzehnt der Chef am Herd, an dem er steht. In dieser Zeit hat sich auch der eine oder andere Signature Dish etabliert. Am längsten begleitet ihn wohl seine Interpretation vom Bienenstich. In einer krachend knusprigen, nicht zu süssen Krokanthülle liegt ein Rumparfait. Darauf eine mit Gewürzorange aromatisierte Crème von aufgeschlagener Panna cotta, Kumquatzesten und Thymian. «Lieblings-» wird ein wichtiger Wortbaustein dieses Artikels. Denn das ist eines meiner absoluten Lieblingsdesserts. Die Mischung aus zart-kühlem Eis mit pointiertem Karibikflair wird durch das Grün kongenial kontrastiert, während die dezent gesüsste Krokanteinfassung gemeinsam mit der Crème klassischen Dessertluxus verströmt. Abgesehen vom Thymian sorgen auch die Agrumenzesten für einen weiteren ungewöhnlichen Akzent. Neben ihrer exotisch anmutenden Zitrusnote verfügt die Schale der Kumquat über eine wunderbar eingebundene Bitternis. Dieser Unterton gibt dem Happen den letzten Schliff und bringt, einmal mehr, zusätzliche Spektren rein. Jedes Mal aufs Neue ein Erlebnis. Vollkommen zu Recht ein Signature Dish und per sofort in meiner Hall of Fame.

Limetten-Dessert mit Olivenöl und Holunder, The Counter Zürich

Etwas gemässigter präsentiert sich die Limette mit Olivenöl und Holunder. Nach der tiefschürfenden Vielschichtigkeit des Bienenstichs ist diese Petitesse nun merklich geradliniger. Was den Genuss keinesfalls schmälert. Zu diesem Zeitpunkt ist ein simples Süss-Sauer-Spiel mit harmonisch eingebundenem, charmantem Kick durch das Öl genau das Richtige.

Koch grillt Schaum mit heisser Binchotankohle über Apfel-Sauerampfer-Dessert, The Counter Zürich

Ganz zum Schluss greift man etwas überraschend erneut zum Grill. Genauer gesagt zu einem Brocken Binchotankohle, der zuvor zum Grillen genutzt wurde. Der Chef reinigt die glühende Kohle gründlich unter Wasser mit einer Metallbürste. Während Franziska Baumann das filigrane Gebilde, bestehend aus Apfel, Sauerampfer und Joghurt, kurz erläutert, grillt Birlo den Schaum sekundenschnell an. Ein verführerischer Duft von karamellisiertem Zucker steigt auf, der hervorragend zu Apfel und Joghurt passt. Ein glanzvoller Abschluss. Dieses Tartelette gibt es übrigens je nach Saison auch in einer Version mit Roter Bete, die mir sogar noch eine Spur besser gefällt.

Seit meinem letzten Besuch im April dieses Jahres hat die Mannschaft erneut einen deutlichen Sprung gemacht. So stringent komponiert und vor allem ausgeführt war ein Menü im The Counter nie zuvor. Und das will was heissen. Ganz Kosmopolit, der er ist, sind die Einflüsse in Birlos Kochstil gar nicht mehr wichtig oder müssen über konstruiertes Storytelling verkauft werden. Schweiz, Frankreich, Japan, Thailand, Italien, Spanien, alles findet seinen Platz. Nichts wirkt gesucht oder gar erzwungen. Alles baut aufeinander auf, ist untereinander verlinkt, fliesst nahtlos ineinander, ist in sich stimmig und trägt eine unverwechselbare Handschrift.

Auch Weinliebhaber sind hier bestens aufgehoben. In Birlos Frau Florentina steht eine der versiertesten Sommelièren der Schweiz hinter dem Tresen. Sie verantwortet die durchs Band ausserordentlich stimmige Weinbegleitung - in der sich stets Entdeckenswertes, aber auch Rares und Teures wie diesmal beispielsweise der Trebbiano d’Abruzzo von Valentini wiederfindet - und kuratiert die sich stetig entwickelnde Weinkarte.

Exzellentes Essen, aussergewöhnliche Weine, ein Team, das mit den Gästen interagiert, damit gemeinsam eine relaxte und gemütliche Atmosphäre geschaffen wird, in der der Spass nicht zu kurz kommt. Das wünscht man sich doch eigentlich von jedem Restaurantbesuch. Auch wenn ich die Lokale, die ich besuche, hauptsächlich des Essens wegen und nicht aufgrund anderer Faktoren aussuche, ist die gelungene Kombination von allem einfach magisch. Auch nach all den Jahren. Denn sind wir ehrlich: So gut das Essen in vielen gehobenen Restaurants auch schmeckt, das Potenzial, zum Lieblingsrestaurant zu werden, das man regelmässig besuchen will, haben dennoch die wenigsten. The Counter ist für mich schon längst dort.


Weinbegleitung von Sommelière Florentina Birlo, Flaschenreihe im The Counter Zürich

Die Weinbegleitung von Florentina Birlo:
Les Terres Fines, Premier Cru Blanc De Blancs, Dhondt-Grellet
Campania Remensis 2021, Champagne Rosé Extra Brut, Bérêche & Fils
Bulle de Rosé, 1er Cru Extra-Brut, Frédéric Savart
Pezas da Portela 2024, Valdeorras DO, Adega Valdesil
Les Monts Damnés 2024, Sancerre, Pascal Cotat
Vent d’Ange 2022, Chablis, Pattes Loup
Trebbiano d’Abruzzo 2021, Abruzzo DOC, Azienda Agricola Valentini
Chlosterberg 2020, Pinot Noir Grand Cru Uhwiesen, Weingut Besson-Strasser
Clos Du Bourg Demi-Sec 2022, Vouvray, Domaine Huet
Les Romaines 2012, Les Hauts Lieux, Champagne Hugues Godmé


The Counter
Bahnhofplatz 15
8001 Zürich
Schweiz
+41 44 244 32 16
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Titelbild: © Lukas Lienhard

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L’Effervescence (Shinobu Namae) - Tokio